Berufliche Ausbildung zentral wichtig zur Fachkräftesicherung

05.04.2021

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer hat mit Henrike Roßbach von der Süddeutschen Zeitung über die zentrale Bedeutung beruflicher Ausbildung für die Fachkräftesicherung und über die zur Zukunftsgestaltung des Landes notwendigen Weichenstellungen der Politik gesprochen.


Herr Wollseifer, Fernunterricht an der Berufsschule, Teile des Teams im Homeoffice – kann man in der Pandemie überhaupt ausbilden?

Das erfordert schon viel Flexibilität. Die Berufsschulen sind zum Teil geschlossen, und schon im ersten Lockdown waren zunächst mehr als 6000 Lehrgänge in der überbetrieblichen Ausbildung ausgefallen und mussten nachgeholt werden, also das, was zusätzlich zu Betrieb und Berufsschule in den Bildungsstätten des Handwerks stattfindet.

Im zweiten Lockdown dann wieder vielfach Schließungen. Was prioritär stattfindet, sind Prüfungsvorbereitung und pünktliche Prüfungen, damit die Jugendlichen keinen Nachteil haben. Im Bauhandwerk können wir auf die Baustellen und zu den Kunden. Aber bei den Friseuren konnten die Azubis lange nur an Modellköpfen arbeiten. Ähnliche Probleme gibt es bei den Kosmetikerinnen, in der Veranstaltungstechnik und generell überall dort, wo Ausbilder in Kurzarbeit sind.

Wird man das bei den Ausbildungszahlen sehen?

Schon im vergangenen Jahr gab es im Handwerk 10.600 neue Ausbildungsverträge weniger als 2019, ein Minus von 7,5 Prozent, auch wenn wir damit noch besser dastehen als manch anderer Bereich. Aber auch 2021 wird ein schwieriges Jahr. Ich mache mir wirklich Sorgen um die Fachkräftesicherung für unsere Betriebe über betriebliche Ausbildung.

Wir brauchen diese jungen Menschen, ihre kreativen Ideen. Alle, die heute nicht ausgebildet werden, fehlen in drei Jahren als Fachkräfte – und von denen haben wir schon jetzt nicht genug.

Die Bundesregierung hat das Programm „Ausbildung sichern“ verlängert und nach eigenem Bekunden verbessert. Hilft das?

Die Kriterien für die Azubi-Prämien, die Betriebe bekommen, die trotz Krise ausbilden, waren zu restriktiv und zu kompliziert. Es wurde Großes angekündigt, aber von den 500 Millionen Euro, die bereitgestellt wurden, ist bis Ende Februar nur ein kleiner Teil abgerufen worden. Vieles soll jetzt angepasst und vereinfacht werden.

Immerhin werden die Prämien jetzt verdoppelt, auf 4000 Euro für aufrechterhaltene Lehrstellen, auf 6000 Euro für zusätzliche. Auch sind nun ausbildende Kleinstbetriebe mit bis zu vier Beschäftigten in den Förderfokus gerückt. Das Programm kann daher zusätzliche Anreize bieten. Um das Thema aber schnell und umfassend anzugehen, haben wir als ZDH der Regierung vorgeschlagen, zeitnah den „Sommer der Berufsbildung“ auszurufen. Mit Sommercamps, noch mehr Praktika und einer entsprechenden Kampagne.

Wegen der coronabedingten Schulschließungen gibt es die Idee, das Schuljahr einfach zu verlängern oder alle, die das wollen, wiederholen zu lassen. Dann kämen Ihre Azubis erst im Frühjahr in die Betriebe, statt im Herbst.

Davon bin ich kein Freund. Das wäre organisatorisch sicher sehr schwierig. Außerdem: Sollen wir den Jugendlichen wirklich ein halbes oder sogar ein ganzes Jahr nehmen? Das ist ja auch mit finanziellen Verlusten verbunden. Wenn man ein Jahr später fertig wird, steht man ein Jahr später im Beruf. Im Handwerk sind wir es gewohnt, Jugendliche mit unterschiedlichem Bildungsstand auszubilden.

Wir haben immer noch über 40 Prozent Hauptschüler unter unseren Azubis und fünf Prozent junge Leute ohne Bildungsabschluss. Auch die sind im Handwerk willkommen. Ich bin zuversichtlich, dass wir die Wissenslücken gemeinsam schließen können.

Trifft die Krise das Handwerk sehr hart oder gilt eher: Geschraubt, gebacken und Parkett verlegt wird immer?

In der Baubranche kamen die Betriebe bislang noch verhältnismäßig gut durch die Pandemie, jetzt merken sie aber, dass die Aufträge weniger werden. Andere sind mittelbar betroffen, zum Beispiel die Gebäude- und Textilreiniger, weil Hotels, Schulen, Museen und Universitäten zu haben. Oder die Bäcker, Konditoren und Fleischer, die Catering machen und ihre Cafés oder Imbissbereiche nicht öffnen können. Besonders schwer ist es für alle Handwerke im Messebau, für Autohäuser und viele Industriezulieferer. Ende Januar gaben in unserer Befragung mehr als die Hälfte der Handwerksbetriebe an, von der Pandemie stark betroffen zu sein.

Und was ist mit den milliardenschweren Hilfspaketen?

Die Hilfen müssten erstmal ankommen! Es fließt viel zu wenig ab, das ist wirklich dramatisch. Sehr viele Betriebe fallen wegen der Förderkriterien ganz durch den Rost. Dass die Anträge über die Steuerberater gestellt werden müssen, führt außerdem dazu, dass die diese Berge gar nicht abarbeiten können. Und wenn der Antrag endlich gestellt ist, kommt irgendwann die Abschlagzahlung, aber nicht die gesamte Summe.

Mir ist völlig unerklärlich, warum man sich nicht für die zielgenaueste und effektivste Förderung entschieden hat, nämlich eine deutliche Verlängerung des steuerlichen Verlustrücktrags. Dann bekämen die Betriebe sofort Liquidität – und zwar auch nur die gesunden Betriebe. Beim ersten Lockdown hat die Politik noch schnell und verantwortlich gehandelt. Jetzt klappt vieles nicht mehr so wie es sollte. Entweder sind Bund und Länder überfordert, oder man steckt schon zu tief im Wahljahr drin. Draußen klappt das Impfen und das Testen nicht, und in den Betrieben kommen die Wirtschaftshilfen nicht an.

Wie glaubwürdig ist Ihre Kritik am Krisenmanagement, wenn die Wirtschaft gleichzeitig nicht mal mit einer Testpflicht in den Betrieben einverstanden ist?

Wir Spitzenverbände machen uns für das Testen stark und tun alles, damit die Appelle fruchten. Aber es gibt zu viele offene Fragen: Zählt der Selbsttest genauso viel wie der Schnelltest? Wie dokumentieren wir die Tests? Reicht ein Selfie mit dem Testergebnis vor der Brust oder muss man das schriftlich festhalten und abheften? Was ist mit der Haftung, dem Datenschutz? Außerdem kriegen die Betriebe diese Tests derzeit nicht in der Menge, die sie bräuchten.

Geht es Ihnen in Wahrheit nicht vor allem um die Kosten?

Nein. Das sollte es den Betrieben schon wert sein. Es geht um die Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und damit auch um die Gesundheit des Betriebs.

Haben Sie in Ihrem eigenen Betrieb schon Tests in der Schublade?

Wir haben versucht, Selbsttests zu bekommen, die waren aber alle schon weg bei den Discountern. Jetzt habe ich aber ein Angebot von der Kreishandwerkerschaft bekommen, über eine Einkaufsgenossenschaft zu bestellen.

Bei der Bundestagswahl wird auch über die Corona-Politik abgestimmt. Was fordert das Handwerk?

Wir haben auf unseren Vollversammlungen unsere Erwartungen schon beschlossen, was in der nächsten Legislaturperiode zu tun ist. Und zwar gemeinsam mit Arbeitgebern und Arbeitnehmern im Handwerk. Beide Gruppen mitzunehmen ist uns wichtig, um das Gesamthandwerk abzubilden, wenn es etwa um eine Reform der Sozialversicherungssysteme geht oder um eine Unternehmenssteuerreform, mehr Fachkräftequalifizierung und eine Umkehr im Bildungswesen, hin zu mehr Förderung und Beachtung der beruflichen Bildung.

 Bei der digitalen Infrastruktur und beim E-Government muss auch noch eine Menge passieren. Und dann wollen wir, dass das Handwerk mehr eingebunden wird in die Nachhaltigkeitsprozesse. Wir sanieren, wir schützen Kulturdenkmäler, wir reparieren; von der Dachdämmung über Luftwärmepumpen bis brennwertgesteuerte Heizungsanlagen: Das geht alles nur mit dem Handwerk.

Eine Regierungsbeteiligung der Grünen wäre also nicht mehr der größte Albtraum des Handwerks?

Das Handwerk ist parteipolitisch neutral. Aber es ist durchaus zutreffend, was die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock bei unserem Nachhaltigkeitsforum gesagt hat. Dass nämlich das Handwerk nicht nur auf goldenem, sondern auch auf grünem Boden steht. Ob wir das allerdings auch in der Grünen-Programmatik wiederfinden, wenn es um die passenden Rahmenbedingungen für unsere Betriebe geht?

Höhere Steuern, wie die Grünen sie teilweise fordern, dürfte Ihren Betrieben aber weniger gut gefallen.

Das wäre tatsächlich Gift nach den ganzen Einschränkungen durch die Pandemie. Wir sagen vielmehr, dass der Soli überprüft werden muss, und dass Personengesellschaften genauso niedrig besteuert werden müssen wie Kapitalgesellschaften.

Mit dieser Legislaturperiode endet auch die Ära Angela Merkel. Hat sie das Handwerk verstanden?

Sie hatte immer ein Ohr für das Handwerk, besonders für die Ausbildung. Sie hat das Fachkräfteeinwanderungsgesetz auf den Weg gebracht, was wirklich gut war. In der Flüchtlingskrise haben wir gut zusammengearbeitet, 50 Prozent aller Azubis mit Fluchthintergrund wurden im Handwerk ausgebildet. Auch die Wiedereinführung der Meisterpflicht in einigen Gewerken ist mit ihr geglückt. Sozialpolitisch aber waren ihre Regierungen äußerst großzügig. Wenn ich ganz persönlich sprechen darf: Ich schätze und respektiere sie sehr. Sie ist sehr bedacht, ihr Wort hat Gewicht, und auf sie ist Verlass.

Hat sie Ihnen mal gestanden, ob sie selbst einen Nagel in die Wand hauen kann?

Nein, das nicht. Aber sie hat ein Herz fürs Handwerk. Ich war mal mit ihr bei einer Meisterfeier im Greifswalder Dom. Da musste sie eigentlich ganz schnell weg, und ich dachte, sie hält ihre Rede und geht. Aber sie ist dageblieben und hat 280 jungen Meisterinnen und Meistern den Meisterbrief persönlich gegeben.

Quelle: Opens external link in new windowZentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH)